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Das Kuchenkaiser-Haus am O’platz

* Naunynstr. 46 / Leuschnerdamm 43

Zur Geschichte des Oranienplatzes

Beitrag vom

Zu Lebzeiten versorgte „unser Miethai“ Hans Ulrich Fluß Mieter:innen und Neuankömlinge mit selbst verfassten Informationen zur Geschichte der „Kuchenkaiser“-Häuser und ihrer Umgebung. Ein Zeitdokument von ca. 1984, wiedergefunden von Kay Vega.

Zur Geschichte des Oranienplatzes

Ursprünglich war unser heutiges Wohngebiet unter Köpenicker oder Cöllnischer Vorstadt bekannt und war vornehmlich Weideland. Als erste und einzige Straße wurde es von der Dresdener Straße durchschnitten, die über das Kottbusser Tor nach Cottbus und Dresden führte. Diese Straße ist heute mehrfach durch einige Straßen, den Oranienplatz und das NKZ (Neues Kreuzberger Zentrum) unterbrochen.

Französische Emigranten, die Hugenotten, betrieben hier seit der Regentschaft des Großen Kurfürsten Obst- und Gemüseanbau, deswegen ist der Oranienplatz 1849 nach dem französischen Fürstentum Orange benannt worden.

Die Naunynstraße ist nach dem Bürgermeister von Berlin, Franz Naunyn benannt worden, der die erste Volksbefragung durchführen lies, der Leuschnerdamm nach dem Gewerkschafter Leuschner – vorher Luisenufer – Elisabethufer und Schröderdamm.

1802 wurde das Gebiet als Dank für eine von der Königin Louise von Preußen der Bürgerwehr gestiftete Fahne in Luisenstadt umgetauft. 1920 wurde aus der Luisenstadt, der Südlichen Friedrichstadt und der Tempelhofer Vorstadt der Bezirk Kreuzberg (heute 1037 Hektar, ca. 150 000 Einwohner).

In den Jahren 1848 bis 1852 baute man nach den Plänen des gebürtigen Bonners Peter Josef Lenne den Luisenstädtischen Kanal vom Urbanhafen am Landwehrkanal bis zur Schillingbrücke an der Spree. Auf diesem Kanal wurden die Ziegel aus der noch heute existierenden Ziegelbrennerei in Glindow/Havel auch für unsere Häuser transportiert. Nach bereits 1825 ausgearbeiteten Plänen von Lennee und Oberrat Schmid wurde das Gelände längs des Kanals gebaut. Die bauliche Besonderheit sind die auch in unserem Haus befindlichen sogenannten „Lenneschen Türme“, die die Häuser am Straßenende abschlossen.

1926 wurde der Kanal mit Erde aus dem in Bau befindlichen U-Bahn-Tunnel der Strecke Leinestrasse-Gesundbrunnen zugeschüttet und die Grünanlage unterLeitung des Gartenbaudirektors Erwin Barth hergerichtet. Bekanntestes Bauwerk am Oranienplatz ist das von Max Taut errichtete Haus am Oranienplatz 4-10, das ursprünglich das Warenhaus der Konsumgenossenschaft war. Heute befindet sich dort u.a. das Büro von Wim Wenders.

Am Oranienplatz kam es in der Geschichte zu drei bekannten Kriegshandlungen (hoffentlich die letzten)

Am 16.10.1757 gelang es dem österreichischen Husaren-Feldmarschall Andreas von Hadik mit Glück (eine Kanonenkugel zerschlug die Kette der Zugbrücke vom Schlesischen Tor) in die Stadt einzudringen. Die preußische Garnison stellte sich ihm zwischen dem heutigen Oranienplatz und der Stadtmauer am Kottbusser Tor. Dabei fiel der österreichische General Baron Babocsay am heutigen Oranienplatz, aber die Preußen wurden von hier aus an die Ringmauer am Kottbusser gedrückt und allesamt getötet.

Im März 1920 spielten sich die Kämpfe um das Zeitungsviertel u.a. während des „Kapp-Putsches“ am Oranienplatz ab. Eine auf dem Platz befindliche Kapp-Marineinfanterieabteilung wurde von Kämpfern, die sich auf den Dächern der Häuser des Oranienplatzes befanden, besiegt. Zwei Bewohner des Hauses wurden verletzt.

Im April 1945 beschoss eine sowjetische Raketenwerferbatterie von hier aus die Innenstadt. Getötete Zivilisten, Soldaten und Pferde sollen nach Augenzeugenberichten unter der Rasenfläche vor der Oranienaphoteke bestattet worden sein.

Zur Geschichte der Häuser der Naunynstaße 46, Oranienplatz 11-13 und Leuschnerdamm 43

Die Häuser wurden im Jahre 1865 errichtet, und zwar für die Konditorei „Kuchen-Kaiser“, die von Conrad Kaiser 1866 gegründet wurde und 1890 von meinem Großvater Eugen Fluß übernommen wurde. Seitdem befinden sich auch die Häuser im Besitz meiner Familie. Die Firma Kuchen-Kaiser bestand bis 1957 und die Wohnungen waren ursprünglich nur für die Angestellten bestimmt.

Das gesamte Erdgeschoß gehörte zum Café, darunter befanden sich die Backstuben, und in dem kleinen Haus auf dem Hof das Büro und die Versandabteilung. Die Firma, zu deren Stammgästen u.a. der Komponist Paul Linke zählte, hatte die erste elektrische Kühlanlage Berlins (Backöfen und Reste der Kühlanlage sind vorhanden).

Die Firmen-Produkte wurden mit den Luftschiffen LZ 127 „Graf-Zeppelin“ und LZ 129 „Hindenburg“ bis nach New York befördert. Für die Eistorten der Firma wurde in der „Hindenburg“ extra eine Kühltruhe installiert. Mit dem Junkers-Flugzeug wurden Kuchen regelmäßig nach London geflogen. Beinah hätte die Firma schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts den ersten Motor-Lieferwagen Berlins eingesetzt – er brannte aber nach dem Ankurbeln des Motors bei der Pressevorführung gleich vor dem Haus aus.

1933 wurden alle tragenden Element des Hauses durch Stahlträger ersetzt. Dadurch ging bei einer Bombardierung im Februar 1945 nur das Dach verloren. 1956 wurden leider die allerdings beschädigten Stuckelemente von der Fassade entfernt.

Hier endet das Dokument und lässt die Leser:innen mit der Geschichte des Haus & des Platzes schon vor dem Mauerbau allein…