Wir arbeiten seit 1 ½ Jahren daran, unser Zuhause in die Obhut einer Genossenschaft zu bringen. Die Hausbewohnerin und Mitstreiterin, Ursula Schröder, skizziert den langen Weg mit seinen Herausforderungen und Hindernissen.
„Euer Miethai Uli…“
Was bisher geschah kann man nur verstehen, wenn man weiß, was für ein besonderes Haus das „Kuchenkaiser-Haus“ war und ist, das eigentlich aus zwei Häusern besteht: das Haus Eingang Naunynstraße und um die Ecke das Haus Eingang Leuschnerdamm.
Zentrale Figur der Geschichte war Ulrich Fluß, der sich humorvoll „Euer Miethai Uli“ nannte und im Haus in der Naunynstraße in der 1. Etage wohnte. – Der Eigentümer im Haus? Damit hatte ich in meinem langen Mietrinnenleben schon ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Hier war alles ganz anders.
Unser „Miethai Uli“ war an einer guten Hausgemeinschaft interessiert. Für ihn war es nicht wichtig, möglichst viel Geld einzunehmen und dadurch eventuell seine Mieter:innen zu verlieren. Im Gegenteil, er hatte eher ein Auge darauf, dass die Miete nicht allzu schnell stieg, und sie so für uns bezahlbar blieb. Er war weltoffen und diskret, blieb gerne für ein Schwätzchen im Treppenhaus stehen, bekam alles mit, was im Haus lief und er war ein guter Geschichtenerzähler.
Auf seinen legendären jährlichen Hoffesten, zu denen alle aktuellen sowie ehemaligen Bewohner:innen eingeladen waren, erfuhren wir wer gestorben war, wer weggezogen und wer neu dazugekommen war. Außerdem waren seine Ansprachen garniert mit skurrilen Anekdoten aus seinem ereignisreichen Leben und den Geschichten des Hauses. Und wir wurden informiert, ob die Miete steigen würde, ob wir mal wieder um eine Mieterhöhung herumgekommen waren oder Arbeiten am Haus durchgeführt werden sollten.
Kuchenkaiser goes Museum
Uli Fluß war ein umtriebiger Mensch. Als Zeitzeuge und Chronist seines Kiezes Kreuzberg, insbesondere des historischen Stadtteils Luisenstadt, organisierte er Führungen, engagierte sich im Technikmuseum im Bereich Flugzeuge, war Chronist der Geschichte des Kuchenkaiser-Hauses samt Oranienplatz. Um diesen Teil der Kreuzberger Geschichte sichtbar und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, entstand folgendes Projekt: Uli Fluß und im Haus wohnende Kunstschaffende und digitale Expert:innen setzten sich zusammen, um aus seiner umfangreichen, jedoch weitgehend unsortierten Sammlung aus Fotografien, Urkunden, Zeitungsausschnitten und Gegenständen der Konditorei Kuchenkaiser und vom Oranienplatz eine Ausstellung zu gestalten, die im Kreuzbergmuseum gezeigt werden sollte. Das schweißte unsere Hausgemeinschaft noch mehr zusammen.
Aber es sollte anders kommen: Noch vor der Vollendung des Ausstellungsprojekts starb „unser Miethai Uli“ im Mai 2023 … viel zu früh.
Das Erbe
Da Ulrich Fluß der letzte aus seiner Sippe war, vererbte er das Haus an eine Gruppe von langjährigen Freund:innen. Bei uns Mieter:innen ist die Verunsicherung groß. Was wird aus uns? Ein Schlagwort macht die Runde: Genossenschaft. Wir recherchieren.
Wir suchen Kontakt zu der Erbengemeinschaft. Wir wollen sie für unsere Idee von einer Genossenschaft begeistern, ihnen erläutern, welche Vorteile ein Verkauf an eine Genossenschaft auch für sie bedeutet und dass eine sozialverträgliche Lösung sicherlich auch im Sinne von Uli Fluß sei.
Juni 2023
Bei der 1. großen Mieter:innen-Versammlung zeichnet sich ab, dass die meisten Bewohner:innen die Genossenschaftsidee gutheißen. Noch wissen wir nicht, was das im Detail bedeutet. Aus der großen Gruppe der Anwesenden kristallisiert sich eine „Orga-Gruppe“ heraus, die weiter zum Thema Genossenschaft recherchiert. Es finden Treffen mit Engagierten und Institutionen aus dem Genossenschaftsumfeld statt. Der allgemeine Tenor unserer Gesprächspartner:innen: Schön, dass ihr so früh dran seid.
Juli 2023
Von Freunden erfahren wir, dass deren Haus vor der Jahrtausendwende von der Genossenschaft Selbstbau eG gekauft worden war. Sie sind sehr zufrieden mit der Selbstbau eG und raten uns, mit dem Vorstand Kontakt aufzunehmen.
August 2023
Die Erb:innen signalisieren Gesprächsbereitschaft. Das Gespräch soll stattfinden, nachdem die administrativen Formalitäten erledigt sind. Sie holen erste Angebote auf dem freien Markt ein. Wir forschen weiter.
Oktober 2023
Nach einem ersten Treffen mit der Selbstbau eG signalisiert diese grundsätzlich Interesse an unseren Häusern. Wir erfahren, dass wir Mieter:innen beim Kauf durch die Genossenschaft einen nicht unbeträchtlichen Eigenanteil vom Kaufpreis aufbringen müssen, um eine Finanzierung über Kredite zu ermöglichen, die über die Mieten in den nächsten Jahrzehnten abgezahlt werden.
November 2023
Die nächste große Hausversammlung steht an. Wir wollen herauszufinden, wie viele Bewohner:innen dazu bereit und in der Lage sind, genug Geld aufzubringen, um gemeinsam den Eigenanteil zum Kauf unserer Häuser zu finanzieren. Es müssen belastbare Zahlen her.
Februar 2024
Wir erwarten das erste Treffen mit den Eigentümer:innen mit Spannung. Nach dem Treffen zeigen diese sich für unsere Idee eines sozialverträglichen Verkaufs an eine Genossenschaft offen. Wir freuen uns über den Erfolg und die Kooperationsbereitschaft und glauben uns schon fast am Ziel. Zu diesem Zeitpunkt rechnet niemand von uns damit, dass sich die Unsicherheit noch über ein weiteres Jahr hinziehten wird.
März 2024
Ob wir das Genossenschaftsmodell nicht nur wollen, sondern ob wir es – vor allem – finanziell stemmen können liegt nun auch an uns. Bei der 2. großen Versammlung aller Bewohner:innen werden die bisher gesammelten Informationen vorgestellt. Der Vertreter der Selbstbau eG beantwortet unsere Fragen.
April 2024
In den kommenden Tagen kommen Zusagen für über 80 % der Genossenschaftsanteile zusammen. Die Selbstbau eG kann loslegen und übermittelt ein Kaufangebot an die Eigentümer:innen. Nach intensiven Verhandlungen werden Selbstbau eG und Eigentümer:innen handelseinig.
Alles in trockenen Tüchern, oder!?
Berlin fördert den Bestandserwerb durch Genossenschaften. Ohne diese Förderung lässt sich unser Projekt aber nicht realisieren. Der Förder-Antrag wird beim Senat eingereicht. Doch es rumort in der Stadt: An allen Ecken und Enden wird gespart, auch Mittel für die Genossenschaftsförderung scheinen in Gefahr.
Förderung fraglich
Irgendwas hakt. Offenbar verhindern administrative Gründe eine zeitnahe Prüfung unseres Förderantrags. Die Zusage des Kredits an die Selbstbau eG für den Kauf der Häuser steht auf wackligen Beinen. Die Selbstbau eG arbeitet mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln an einer Lösung. Wir wenden uns mit der Bitte um Unterstützung an den Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen und andere politische Akteure. Die Frequenz unserer Telefonate mit der Selbstbau eG nimmt zu.
Alternativlos
Bei der 3. Großen Hausversammlung wird diskutiert, ob es andere Optionen gibt, falls aus der Förderung nichts wird. Alle Alternativen erfordern einen zusätzlichen finanziellen Aufwand – wir kommen an unsere Grenzen. Eine freie Finanzierung liegt jenseits unserer Möglichkeiten.
Fristablauf: Ende Januar 2025
Noch im Dezember scheint eine Prüfung unseres Förderantrags nicht möglich. Die Eigentümer:innen möchten sich nicht weiter vertrösten lassen und setzen uns eine letzte Frist bis Ende Januar 2025. Wenn zu diesem Zeitpunkt ein Verkauf nicht absehbar ist, geht das Haus auf den freien Markt.
Die Selbstbau eG arbeitet mit Hochdruck an einer Lösung. Wir bitten erneut um Unterstützung. Auch ein weiteres Hilfsgesuch an den Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen bleibt unbeantwortet. Wir sind unsicher, was das bedeutet. Wird im Stillen auf eine Lösung hingearbeitet? Wartet man, bis sich das Problem von selber löst? Die Deadline rückt näher. Die Nerven liegen blank.
Mitte Januar 25
Noch zwei Wochen. Der Förderantrag wird bearbeitet. Endlich. Die Selbstbau eG hält es für möglich, dass bis Ende Januar grünes Licht für unser Projekt gegeben wird. Wenn dies die Eigentümer:innen überzeugt, wäre das förmlich eine Rettung in letzter Sekunde…
(Fortsetzung folgt)
Update, 31.01.25: Die Prüfung durch die IBB ist „just-in-time“ abgeschlossen & positiv verlaufen. Die vor-letzte Hürde scheint geschafft. Nächster Schritt: Bewilligungsausschuss. Wir drücken uns die Daumen!